Kleinigkeiten - wichtiger als gedacht
In kleinen Schritt zum Erfolg - wie oben so unten - von Prinzipien leiten lassen - die Kleinigkeiten des Großen

Es sind die Kleinigkeiten im Alltag, die uns nerven oder freuen können. Die großen Dinge müssen oftmals warten. Sind diese kleinen Geschehnisse unwichtig? Sind sie nur ein Produkt unserer Gewohnheiten, unvorhersehbarer Ereignisse, oder sind etwas mehr?
· In kleinen Schritten zum Erfolg: Wenn wir erfolgreichen Menschen begegnen, bewundern wir sie, sind fasziniert von ihren Fähigkeiten, ihrer Geschicklichkeit oder ihrem Können und wünschten uns heimlich, auch so erfolgreich zu sein wie diese. Was wir übersehen ist aber, dass diese Erfolgstypen auch nicht perfekt auf die Welt gekommen sind, sondern klein angefangen haben. Ein großer Pianist wird auch nicht mit komplizierten Sonaten begonnen, sondern mit kleinen Etüden versucht haben, sich mühsam die Techniken anzueignen, die notwendig sind, um einstmals das Klavier perfekt spielen zu können. Kleine Schritte müssen gegangen werden, um eines Tages einen großen Schritt gehen zu können. Dabei ist es die Kunst der „Fragmentierung“, denn selbst die großen Meister haben mit kleinen Kompositionen begonnen, die, um sie zu erlernen zu spielen, in kleine „Lernhäppchen“ unterteilt werden müssen. Vielleicht musste erst nur mit der rechten Hand eine Melodie gespielt werden, wobei einzelne Takte herausgegriffen und x-fach wiederholt werden, um dann die linke Hand hinzuzunehmen. Ebenso geht einem Studenten, der sein Studium nur dann erfolgreich zu Ende bringen kann, wenn er eifrig sich bemüht, sich von Semester zu Semester auf die Endprüfung vorzubereiten. Herbei muss er fleißig Scheine sammeln, um zugelassen zu werden. Er muss dabei kleine Seminararbeiten verfassen oder Referate halten. Auch diese Arbeiten bedürfen sorgsamer Kleinarbeit, etwa das mühsame Zusammensuchen bauchbarer Literatur, das Lesen entsprechender Textstellen, die sorgfältige Internet-Recherche. Kurzum: Jedes große Fernziel kann nur erreicht werden durch eine Kleinstarbeit, die nervig ist und viel Geduld erfordert. Der „große Wurf“ gelingt selten auf einmal, sondern es sind die kleinen Tippelschritte, die zum Ziel führen.
· Mosaik: Das Leben erscheint nur aus der Nähe wie eine Ansammlung von zufälligen Ereignissen, von Begebenheiten, die uns im täglichen Leben passieren, von Glücks- und Unglücksfällen oder Begegnungen mit anderen Menschen bis hin zu dauerhaften Beziehungen, die sich oft nur sehr zögerlich entwickeln und erst rückblickend gesehen bedeutend erscheinen. Gleichsam bewegen wir uns da in unserem Leben wie eine Ameise in einem Ameisenhaufen, die ihre zugedachten Arbeiten verrichten, aber den Ameisenhaufen selbst nicht wahrnehmen können. Ein aus Bildpunkten bestehendes Bild können wir auch nicht aus der Nähe erkennen, sondern aus der Entfernung, wenn die kleinen Pixel sich zu einem figuralen Gesamteindruck verschmelzen. Aus der Entfernung wird ein Bild, das aus kleinen Mosaiksteinen besteht, erst als ein harmonisches Etwas erkannt, werden erst Konturen eines Gesichts erkennbar oder die Farbschattierungen erscheinen erst aus der Distanz klar unterscheidbar, sodass Vorder- und Hintergrund sich voneinander abheben. So könnte auch unser Leben betrachtet werden. Erst im Rückblick erkennen wir anhand der vielfältigen Ereignisse ein Muster, wird uns vielleicht erst bewusst, dass das Leben so und nicht anders verlaufen „musste“, damit am Ende wir den „richtigen“ Menschen begegnen und auch das Leben anderer in entsprechende Bahnen gelenkt wurde. Das Leben könnte also wie ein Bühnenstück aufgefasst werden, in dem wir mehr oder wenige kleine Rollen spielen. Das Drehbuch des Lebens bleibt uns dabei weitgehend verbogen. Wir haben vielleicht eine Ahnung, warum das eine oder andere Ereignis eintreten „musste“, damit die gesamte Geschichte in ihren kleinen Szenen, die wir absolviert haben, einen Sinn ergibt. Das Mosaik des Lebens ist also uns erst klar, wenn wir mit einem gewissen Abstand darauf sehen – und dies geschieht erst so richtig am Ende, wenn wir spüren, dass wir in die Schlussphase unserer Biographie eingetreten sind.
· Wie oben so unten: Die Lehre der Entsprechungen, wie sie der schwedische Mystiker Emanuel Swedenborg übermittelt hat, geht von den alten Ansichten über die Abstimmung von Makro- und Mikrostrukturen unserer Welt aus, wobei die Analogie zwischen dem, was „oben“ ist (himmlische Sphären, göttliche Welt, Welt des Geistes) und dem, was „unten“ ist (materielle Welt, sichtbarer Kosmos) postuliert wird. Alles, was im geistigen Bereich erdacht, kreiert und als ideale Form ins Leben gerufen wurde, entspricht dem, was wir in der physischen Welt vorfinden können. Das Primat des Geistes postuliert, dass alles, was entsteht, erst einmal erdacht sein muss, bevor es sich in körperlicher Form zeigt. Rupert Sheldrake hat dies mit den „morphogenetischen Feldern“ so postuliert, dass diese formgebend wirken auf alles, was an biologischen Strukturen in der physischen Welt zu beobachten ist. Dabei gilt dieses Schaffensprinzip nicht nur für beobachtbare Lebewesen wie Pflanzen, Tiere oder Menschen als solche, also in ihrer jeweiligen Form, sondern auch für Verhaltensweisen, die durch solche formgebende Felder beeinflusst werden. Dies hatte er mit den Beobachtungen in der Natur untermauert, bei denen z. B. das Waschen von Kartoffeln im Meerwasser artspezifisch bei vielen Affen auftrat und dies eben nicht durch Nachahmung erklärt werden konnte, weil diese Technik sich gleichzeitig überall entwickelte, obwohl kein Sichtkontakt vorhanden war. Die „geistige Welt“ gibt die Strukturen vor, die sich auf der körperlichen Ebene zeigen, die erdachte Welt ist gleichsam das „Drehbuch“, nach dem alles, was auf der Bühne des Lebens geschieht, sich richten muss.
· Zufall oder Plan: Die Frage ist dann aber: Ist dann alles bereits festgeschrieben und sind wir dann gleichsam Marionetten, die an den Fäden der Drehbuchautoren hängen? Die Vorstellung einer von „Superkräften“ gesteuerten Welt, bei der die Götter sich einen Spaß machen, wie dies oftmals in der griechischen Mythologie beschrieben wird, und die Menschen nach ihren Vorstellungen steuern, widerstrebt uns zutiefst, weil es unseren Freiheitsgedanken nicht entspricht. Freier Wille und göttlicher Plan stehen also dann im Widerspruch, denn es scheint nur das eine oder andere möglich zu sein. Die Zauberformel, um diesem Dilemma zu entkommen, könnte darin bestehen, dass harte „Entweder-oder“ in ein geschicktes „Sowohl-als-auch“ zu verwandeln. Und in der Tat können wir nicht umhin anzuerkennen, dass es vorgegebene Gesetzmäßigkeiten gibt, die unser Handeln einschränken und deshalb unserem freien Willen zuwiderlaufen. Wir können uns noch so anstrengen wie wir wollen, aber der Schwerkraft z. B. können wir nicht entkommen. Bestimmte physikalische Gesetze stellen ein unausweichliches Muss dar, die wir akzeptieren müssen. Gleichsam gibt es auch solche geistige geistigen Gesetze, die ein Gerüst darstellen, die unser Handeln bestimmen, wie z. B. das von Saat und Ernte. Wir ernten unausweichlich das, was wir in früheren Zeiten gesät haben, sowohl im positiven als auch negativen Sinne. Wer gegen seine Gesundheit „gesündigt“ hat, indem er schon sehr früh mit Drogen aller Art experimentiert hat, oder wer sich ungesunde „Fast-Food-Lebensmittel“ einverleibte, muss sich nicht wundern, wenn er dann schicksalhaft einer der typischen Zivilisationskrankheiten anheimfällt. Der Reinkarnationsgedanke spannt dabei den Bogen über das eine uns bewusste jetzige Leben hinaus und postuliert, dass es ein über das Einzelleben hinaus reichende Gerechtigkeit (Karma) gibt, dem wir nicht entkommen können. Wir erleben dann im nächsten Leben das, was wir in diesem Leben gesät haben. So gesehen, sind wir nicht mehr so uneingeschränkt frei. Wir haben aber dennoch einen Spielraum, der es uns erlaubt, die uns begegnenden Lebensereignisse als „Prüfsteine“ anzusehen, über die wir stolpern oder gar fallen können, die wir aber auch als Gelegenheit begreifen können, sie geschickt zu umgehen oder aus den Weg zu räumen. Das Meistern des Lebens besteht also darin, nicht die Zwänge zu vermeiden, die sich aufgrund der Gesetzmäßigkeiten auftun, sondern sie als Chance zu nutzen, um uns weiter zu entwickeln, indem wir dazulernen.
· Das Leben in Akzeptanz übergeordneter Prinzipien: Die vielen „kleinen“ Entscheidungen, etwa wo und was kaufe ich ein, was esse oder trinke ich, welche Kontakte suche oder vermeide ich, hängen an übergeordneten Prinzipien, was ich als Werteorientierung bezeichne, die sich von der Bedürfnisorientierung unterscheidet. Ich gehe z. B. zu Einzelhändlern am Ort, auch wenn es da etwas teurer ist, weil ich es als ein Prinzip anerkenne, dass diese unterstützungswürdig sind, damit sie sich gegen die billigeren Discounter behaupten können. Der Wert, der dahinten steht, ist die Anerkennung der Leistung von Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, mit ihrem Beruf als Selbständiger einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft, in der sie leben, zu leisten. Nicht das Bedürfnis nach dem billigen Produkt gibt für mich den Ausschlag für eine Kaufentscheidung, sondern der Wunsch, Menschen zu unterstützen, die sich für einen individuellen Lebensweg entschieden haben. Auch die Wahl der Menschen, zu denen ich Kontakt halte, richtet sich nach dem Prinzip der Werteorientierung, weil ich dort die Beziehung aufrechterhalte, wo ich durch meine Möglichkeiten und Fähigkeiten die Lebenssituation von Menschen verbessern kann, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Diejenigen, die sich nur nach den eigenen Bedürfnissen richten, ordnen sich selbst nicht übergeordneten Prinzipien unter, sondern sehen nur ihre eigenen egoistischen Motive als beachtenswert an. Wer die Überordnung von nicht an einzelne Personen gebundene Grundsätze akzeptiert, lenkt sein Leben danach, ob er diesen genügen kann. Er gibt sich in die Obhut einer über seine Person hinausgehenden Wirklichkeit, deren Sinn und Zweck er noch nicht erkennt, aber trotzdem als gültig anerkennt. Die Herausbewegung aus dem Diktat einer egoistischen Lebensführung hin zu einer von Werten gesteuerten Lebensweise eröffnet eine „höhere Sicht“ auf die Welt. Die Welt gilt dann nicht mehr als Schauplatz von gegeneinander kämpfender Egoisten, deren einziges Bestreben die zu Lasten anderer gehende Ausnutzung aller Möglichkeiten zur Befriedigung eigener Bedürfnisse ist. Sie wird dann nicht mehr von den kleinlichen Machtkämpfen geprägt, von infamen Intrigenspielen, um die eigene Position zu verbessern. Sondern der Blick wird geweitet auf das, was hinter der Bühne passiert, es wird das Drehbuch gewissermaßen hinterfragt, nachdem diese Egoisten agieren. Es geht sogar so weit, das Drehbuch, nachdem offensichtlich die Protagonisten zu agieren haben, neu zu schreiben, indem sich von diesen Machtspielen distanziert wird. Der Ausspruch: „Nein, da mache ich nicht mit“, ist der Beginn einer wahren Emanzipation, die leider oftmals in der Einsamkeit desjenigen endet, der sich nicht mitreißen lässt, sondern seinen eigenen Weg geht.
· Die Kleinigkeiten des Großen: Es schließt sich der Kreis. Wer wirklich sich von Prinzipien leiten lässt, wird großzügig werden, er wird den anderen den Sieg gönnen, wird ihnen freiwillig alles lassen, was sie ihm nehmen wollen, weil er weiß, dass die Großherzigkeit, die von innen kommt, die im Einklang steht mit den göttlichen Gesetzen von Gerechtigkeit, zum Ziel führt. Die Welt ist in seiner finalen Struktur nur eine kleine Bühne, nur ein winziger Schauplatz der Gernegroßen, die sich als die Herrscher der Welt sehen, dabei aber nicht erkennen, dass diese Größe nur zum Schein besteht, der sich verflüchtigt, wenn diese Menschen auf dem Sterbebett liegen, wo sie ihre wahre Winzigkeit vielleicht erahnen, die sie mit ihrer Aufgeblasenheit zu übertünchen versucht hatten. Die Kleinen werden die Großen sein, diejenigen, die im Alltag mitmenschlich waren, obwohl es niemand bemerkt hatte, die hilfsbereit waren, ohne hierfür eine Gegenreaktion zu erwarten, die sich in vielen kleinen Gesten oder Worte verloren, ohne dabei auf ein Dankeschön zu warten. Wer den Schwächsten hilft, dem hilft auch der, der die Welt mit ihren Gesetzen so geschaffen hat, wie sie ist: Gott. Das ist meine intuitive Gewissheit, die ich im Laufe meines Lebens gewonnen habe.
Klein zu sein, bescheiden zu sein, sich nicht selbst zu wichtig zu nehmen, ist eine Art Lebensphilosophie, die ein ganzes Leben tragfähig sein kann. Die großen Dinge offenbaren sich oft in den Kleinigkeiten, die kaum jemand bemerkt. Sie zu würdigen ist der Königsweg zu unserer wahren Heimat, die jenseits unseres Sterbebettes liegt.
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