
Das Leben ist eine Art Kunst, die eine Ehrlichkeit erfordert, vor allem gegen sich selbst. Aber was ist, wenn diese Ehrlichkeit abhandenkommt? Man spricht dann von Lüge – und bezogen auf das Leben selbst von Lebenslüge. Wie kann man diese Lebenslügen erkennen? • Auf das falsche Pferd gesetzt : Beim Pferderennen kommt es auf das richtige Pferd an und bei Pferdewetten ist das Entscheidende, dass man auf das richtige Pferd wettet, um zu gewinnen. So geht es auch im Leben: Jeder setzt spätestens mit dem Erwachsensein auf verschiedene Pferde, von denen er annimmt, dass sie ihm zum Erfolg führen werden, dass mit ihnen Siege zu erzielen sind. Was ist aber nun, wenn der Traum nicht aufgeht, wenn also die diversen Pferde verloren haben? Wie geht ein Mensch damit um, wenn er merkt, dass er hier und dort auf das falsche Pferd gesetzt hat? Diese Rennpferde, auf die wir gerne setzen, können Personen, Institutionen oder einfach Ideen, Weltanschauungen sein, denen wir uns verschrieben haben. Die Enttäuschung, die sich einstellt, wenn die Erkenntnis reift, dass uns bestimmte Personen getäuscht und damit in die Irre geführt haben, kommt manchmal erst am Ende eines Lebens. Sie kommt nicht plötzlich, sondern kündigt sich oft nur als vages dumpfes Gefühl an, dass etwas nicht stimmt. Diese Person kann ein Freund, ein Lebens- oder Ehepartner, ein Arbeitskollege oder eine sonstige wichtige Person sein. Die Erwartung, dass ein in die Person gesetztes Vertrauen nicht erfüllt wurde, dass das Vertrauen vielleicht sogar missbraucht wurde, kann dazu führen, dass die Beziehung infrage gestellt wird. Nun kommt der entscheidende Punkt: Wenn diese Erkenntnis aber nicht im Inneren für wahr gehalten wird, wenn Gründe gesucht werden, das Verhalten des anderen zu entschuldigen, obwohl es hierfür keine objektiven Gründe gibt, erst dann entsteht eine Lebenslüge. Sie soll dazu dienen, diese Enttäuschung irgendwie zu kaschieren, um den eigenen Seelenfrieden zu retten, um die eigene „heile Welt“ vor dem Untergang zu bewahren. Wer sein Leben in einer religiösen Gemeinschaft vollbracht hat, wer sich einer Religion angehörig fühlt und seine Aktivitäten an deren Glaubensdogmen ausgerichtet hat, kann in ähnlicher Weise einen Schiffbruch erleiden, wenn sich die Erkenntnis immer mehr durchsetzt, dass vieles, was er geglaubt hat, ein Irrglaube war. Wenn diese Institution, der er vertraut hat, sich als eine herausstellt, die mit ihrer Doppelmoral zutiefst spalterisch wirkt, indem der Widerspruch zwischen der eigenen Dogmatik und der praktizierten Unmenschlichkeit offensichtlich wird, dann entsteht eine Lebenslüge, wenn daraus nicht Konsequenzen gezogen werden. Die Lebenslüge besteht dann in der mangelnden Bereitschaft, entweder der Spaltung entgegenzuwirken oder im Falle des Misserfolgs dieses Versuchs die Aufhebung der Zugehörigkeit zu vollziehen. Manchmal neigen wir dazu, ein „Pferd zu Tode zu reiten“ anstatt vorher von diesem Pferd zu steigen. Der Mitläufer ist der Prototyp desjenigen, der in einer Institution stets mit dem Strom schwimmt, wobei er die inneren Sensoren abschaltet, die ihn warnen könnten vor der systemischen Vereinnahmung, die ihn dann zum willigen „Systemler“ macht. Vordergründig hat er „auf das richtige Pferd“ gesetzt, indem er hierbei die Vorteile des Mitmachens einheimst: Erfolg, Anerkennung, Geld oder vielleicht auch Macht. Aber letztendlich hat er damit seine „Seele verkauft“, seiner Seele schweren Schaden zugefügt, indem er nicht der inneren Stimme gefolgt ist, die ihn gewarnt hatte, aber auf die er nicht hören wollte. Er ist nicht dem Ruf seines Gewissens gefolgt, hat nicht die Aufgaben, die er sich vor seiner Inkarnation vorgenommen hat, erfüllt. • Wahrheit - Fehlanzeige: Die Wahrheit ist die nicht zu leugnende Gewissheit, dass die eigenen Einstellungen, Überzeugungen und Einsichten sich in Übereinstimmung befinden mit der nicht zu leugnenden Wirklichkeit. Die Lüge ist dann konsequenterweise die Leugnung dieser Nicht-Übereinstimmung. Die Wahrheit macht uns frei, hatte einmal Jesus behauptet (Johannes 8,32), womit er gemeint hat, dass diese Wahrheit uns von den falschen Bindungen befreit. o Ego-Bindungen : Es sind die Bindungen an unser eigenes Ego, das immer Komfort möchte, das Wohlbehagen mag, das sich einstellt auf eine eigene Wohlfühlzone, die nicht tangiert werden soll durch unangenehme Einflüsse von außen oder durch widersprechende Einsichten. Das Ego wird deshalb alles abwehren, was dies gefährden könnte. Im Unbewussten sind es die vor allem von Anna Freud (Tochter von Sigmund Freud) erforschten Abwehrmechanismen, die außerhalb des bewussten Zugriffs dazu dienen, unliebsame Triebregungen zu eliminieren, sie in die Grau- und Dunkelzone der Psyche abzuschieben (zu verdrängen). Die Therapie besteht in der Bewusstmachung dieser Inhalte, um sie wieder in die Seele zu integrieren. Im weitesten Sinne könnte dieses Konzept der Abwehrmechanismen als Metapher dazu dienen, die Wahrheitsleugnung zu erklären, die sich nicht eben nicht nur auf unliebsame Triebregungen bezieht, sondern auf die aufkommenden Einsichten oder einfließenden Inspirationen, die helfen können, die Wahrheit zu erkennen. Sie werden mehr oder weniger unbewusst geleugnet, mit Gegenargumenten „mundtot“ gemacht, um die scheinbare seelische Bilanz nicht zu gefährden. Die Lebenslüge besteht in dem Fürwahrhalten falscher Überzeugungen (Ideologien), die uns in einem Spinnennetz von Halbwahrheiten oder sogar Lügen gefangen halten. o Materielle Bindungen : Die materielle Bindung betrifft alles, was uns in der materiellen Welt begegnet: Erfolg im Beruf, Ansehen und Anerkennung durch andere, Sicherheit durch einen erreichten Wohlstand, Geborgenheit in der Familie, tragende Beziehungen zu Freunden, zu wichtig gehaltenen Personen und Institutionen. Sie suggeriert uns ein Gefühl des Erfüllt-Seins, des sich Wichtig-Seins, des Gebraucht-Seins. Aber trotzdem bleibt bei vielen ein Gefühl der Leere zurück, weil jedem klar sein muss: Spätestens mit dem Tod enden alle diese Errungenschaften, werden sie mit einem Mal ausgelöscht. Selbst der reichste und mächtigste Mensch muss kapitulieren, wenn das physische Leben endet. Was bleibt uns dann noch? Die Wahrheit ist die: Ohne der Gewissheit einer jenseitigen Weiterexistenz, ohne einen transzendenten Bezugspunkt, ohne eine nicht-materielle Bindung an die umfassendere Wirklichkeit, die traditionell Gott zugeschrieben wird, bleiben unsere Bemühungen völlig vergebens. Die Lebenslüge besteht in der Leugnung dieser Notwendigkeit, sie besteht in der Suggestion, dass unsere materiellen Bindungen unsere Erfüllung darstellen – obwohl es klar sein sollte: Sie stellen nur Illusionen dar. Im Buddhismus wurde dies so erkannt, was auch gleichzeitig die Wurzel des Leids darstellt: Die Wünsche, die Sehnsüchte, die uns immer wieder antreiben, können letztendlich nur Leid verursachen, weil sie in einer vergänglichen Welt nicht wirklich erfüllt werden können. Die Lebenslüge besteht in dem Festhalten an den materiellen Dingen der Welt, von denen wir glauben, dass sie ewig bestand hätten, was aber nicht der Fall ist. • Leugnung des Deplatziert-seins : Am falschen Platz zu sein ist eine Erkenntnis für die Entdeckung der Lebenslüge, aber gleichzeitig auch der Ausweg. Wer das Gefühl hat, dass er in unserer Welt eigentlich deplatziert ist, dass er nirgendwo dazugehört, dass er nie so richtig mit anderen „warm werden kann“, weil er stets das Gefühl des Fremdseins hat, wird der Lebenslüge bald auf die Schliche kommen. Sie besteht nämlich darin zu glauben, dass man bestimmt dieser oder jener Gemeinschaft dazugehört, dass man glaubt, mit anderen die gleichen Ansichten zu teilen, wodurch ein Wir-Gefühl entsteht. Der Fußball-Fan identifiziert sich mit „seinem“ Verein, der Bürger mit „seinem“ Vaterland, der Arbeitnehmer mit „seiner“ Firma, der Parteigenosse mit „seiner“ Partei und der Globetrotter, der die weite Welt bereist, fühlt sich mit der weiten Welt verbunden, weil sie ihm zur zweiten Heimat geworden ist. Die Lebenslüge besteht in der Leugnung des Verdachts, dass daran etwas nicht stimmen kann, dass hier eine Illusion der Verbundenheit entstanden ist, die leider oft einer kritischen Prüfung nicht standhalten kann. Spätestens, wenn jemand in einer Notsituation ist, wird er feststellen, dass diese Gemeinschaften nicht wirklich tragend sind, dass doch fast jeder „sich selbst der Nächste" ist, dass die verkündeten Solidaritätsbekundungen nur leere Floskeln sind. Die Lebenslüge, dass wir „alle in einem Boot“ sitzen, fliegt dann auf und stellt sich als das dar, was sie von Anfang war: eine Lüge. Die Lebenslüge besteht in der Aufrechterhaltung des Glaubens, irgendwo dazu zu gehören, in dieser Welt zu Hause zu sein, obwohl klar ist: Wir haben hier keine bleibende Statt (Hebräer 13,14), sind also nur Gäste, das sollte die wahre Erkenntnis sein. Alles andere ist eine Illusion. • Versagen : Die Lüge ist die perfekte Ausrede für das eigene Versagen. Wer sich selbst etwas vormacht, indem er sich suggeriert, dass er im Leben viel erreicht habe, dass er doch ein eigentlich ein „anständiger Kerl“ war und niemand etwas zuleide getan habe, leugnet die Wahrheit, dass er eben leider nicht immer erfolgreich war, dass er doch andere geschadet hatte, dass seine Existenz aus einer „höheren Warte“ gesehen kaum für einen anderen eine große Bedeutung hatte. Das Versagen zuzugeben, ist deshalb schwer, weil die eigene Bedeutungslosigkeit offenbar würde. Das Versagen führte zu einer schweren Depression, weshalb die eigene Wichtigkeit bedeutsam hervorgehoben werden muss. Das Untergehen in dem Meer der Bedeutungslosigkeit ist das Bemühen vieler Menschen entgegengestellt, die versuchen, aus der grauen Masse der Menschen herauszuschauen, und sei es nur für kurze Augenblicke. Die „Jubiläumsjahre“, bei denen ein „runder Geburtstag“ gefeiert wird, vermitteln eine größere Bedeutung, als sie einem vielleicht tatsächlich zukommt. Das Versagen gehört aber zum Leben dazu, das Scheitern von großen Vorhaben, das Zerplatzen von Träumen, wie die Welt verbessert werden könnte, das Aufgeben von eigenen Idealen, die an der Realität zerschellen, sind auch Bestandteile des Lebens. Die Lebenslügen derer, die anscheinend so bedeutend waren und so erfolgreich, fliegen auch irgendwann auf, wenn sie enttarnt werden als bloße Selbstinszenierungen, die nur dem eigenen Ego schmeicheln sollten. • Ausweg : Der Ausweg aus der Falle Lebenslüge besteht in drei Punkten: o Ehrlichkeit : Die Ehrlichkeit besteht darin, sich keiner Illusion hinzugeben, sich schonungslos vor den Spiegel der Selbstkritik zu stellen. Diese Selbstkritik ist eine Selbstbeurteilung – folgt man Berichten von Menschen, die von Nahtoderfahrungen berichten, so geschieht dies ausnahmslos im Sterbeprozess – die aus der höheren Warte des „wahren Selbst“ (Seele) geschieht. Das Ich entspricht nicht diesem „höheren Selbst“, wie es in der Esoterik genannt wird. Es ist der in der jenseitigen (geistigen) Welt beheimatete wahre Wesenskern des Menschen, der in der materiellen Welt Erfahrungen machen möchte, um weiter wachsen zu können. Zu diesem Wachstum gehören eben nicht nur Erfolge, sondern auch Niederlagen, nicht nur erfreuliche Ereignisse, sondern auch „Katastrophen“, nicht nur geglückte Beziehungen, sondern auch gescheiterte Liebschaften und Freundschaften. Die Ehrlichkeit entreißt uns die Maske der Selbsttäuschung, um uns so zu sehen, wie wir wirklich sind. o Nachsicht : Die perfekten Menschen sind deshalb unheimlich, weil sie durch ihre scheinbare Vollkommenheit uns klein und unscheinbar erscheinen lassen. Die Nachsicht bedeutet in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit der Sanftheit gegenüber der eigenen Person, nicht zu verstehen als eine Nachlässigkeit mit der eigenen Fehlerhaftigkeit, sondern in der Beurteilung unserer Schwächen. Die Strenge in der Sache darf nicht in der grenzenlosen Selbstdemütigung enden. Der Mensch ist als „Mangelwesen“ nicht vor eigenen Fehlern gefeit. Sie zu erkennen, ist tatsächlich auch der erste Schritt zur Besserung. Wir erkennen im Lichte der Nachsicht auch unsere Vorläufigkeit, unsere Schwäche gegenüber der Vollkommenheit des Schöpfers. Der Hochmut Luzifers führte ihn zum Fall. Der satanische Abfall besteht im Kern in der Selbstüberschätzung, in dem Versuch, sich selbst zu Gott zu machen, was auch im Kern der Gegenstand der Versuchung der Menschen im Paradies war (ihr werdet sein wie Gott, 1. Mose, 3,5). Die Nachsicht beschert uns die Einsicht, dass die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf per definitionem notwendig ist, um uns vor der Hybris der Selbstüberhöhung zu schützen. o Bedeutung der „Bedeutungslosigkeiten“ : Wir neigen dazu, auch deshalb der Lebenslüge aufzusitzen, weil wir die Bedeutung der Dinge, die wir für wichtig halten, zu hoch hängen. Der Alltag beschert uns manchmal scheinbar bedeutungslose Begegnungen mit anderen Menschen oder Kontakten zu Tieren, die unseren Weg kreuzen, ohne dass wir den Wert dieser „Zufallsbekanntschaften“ zu würdigen wissen. Sie stehen vielleicht in einem größeren Zusammenhang gesehen in einem höheren Wert als wir erahnen können, weil uns die wahren Bedeutungen nicht bewusst sind. Die Wirkungen unserer „kleinen“ Hilfen im Alltag, die Freundlichkeiten gegenüber anderen oder die scheinbar belanglosen Bemerkungen gegenüber einem in Not geratenen Menschen, bis hin zu handfesten, auch materiellen Hilfen für Notleidende, verpuffen nicht wirkungslos. Sie sind Ausdruck einer wohlwollenden Haltung gegenüber allen Kreaturen, denen wir auf unserem Lebensweg begegnen. Wir geben damit dem eine Bedeutung, jedem ein eigenes Lebensrecht, wodurch wir uns einbringen in die Matrix eines Weltgeschehens, das nur scheinbar zufällig verläuft. Die inneren Gesetzmäßigkeiten, die dahinter stehen, deuten auf die transzendente Führung hin, die wir noch nicht vollständig verstehen und nur erahnen können. Sie geben allem eine Bedeutung und damit auch einen Sinn. Lebenslügen müssen nicht sein. Sie zu vermeiden stellt eine hohe Herausforderung dar, der wir uns aber stellen müssen, um nicht wirklich am Ende unseres Lebens sagen zu müssen: wir haben versagt. Wir können darauf bauen, dass wir bei unseren Bemühungen, die Lebenslügen aufzudecken oder vielleicht sogar zu vermeiden, nicht allein gelassen sind und auf göttlichen Beistand setzen können. © beim Verfasser

Vor kurzem hatten meine jüngste Tochter und ich über überempfindliche Menschen gelästert, wobei wir auf die Idee kamen, dass solche Typen sich am besten einen Stempel mit der Aufschrift „bitte nicht kritisieren“ auf die Stirn oder an einer anderen Stelle der Haut drucken müssten. Es ginge vielleicht auch kürzer, in dem auf dem Stempel nur entweder zwei Buchstaben für „lu“ (lebensuntüchtig) oder vier Buchstaben „znzg“ („zu nix zu gebrauchen“) stünde. Könnte es wirklich solche Typen geben, die derart unfähig, unwillig, unangepasst und undiszipliniert sind, dass sie nur anderen zur Last fallen? • Selbstwertgefühl unten: Das Selbstwertgefühl, gespeist normalerweise aus den erfolgreichen Aktionen eines Menschen, kann derart im Keller sein, dass es immer mehr verschwindet. Es gibt zwei unterschiedliche Reaktionsweisen, um diesem Verschwinden zu begegnen: ein ins eigene Schneckenhaus verkriechen oder eine Überkompensation mit übertriebener Selbstdarstellung. o Schneckenhaustyp: Diese Variante einer Reaktion auf ein niedriges Selbstwertgefühl resultiert aus dem Wunsch, möglichst in Ruhe gelassen zu werden, um im Groll über die böse Welt oder der ungerechten Behandlung zu schmollen. Die Schuld liegt immer für den Gekränkten bei den anderen, eine Selbstbeteiligung an der eigenen Misere wird (unbewusst) ausgeblendet. Wenn er denn einmal befragt wird über die Gründe seines Kummers, drängt sich bei einem noch unkritischen Betrachter der Verdacht auf, dass der Ärmste wirklich einen berechtigten Grund hat, auf andere schlecht zu sprechen zu sein. Später könnte sich das Bild doch ändern und sich sogar ins Gegenteil verkehren, wenn er versucht, die vermeintlichen Täter zu befragen. Denn es stellt sich die Sache oft dann ganz anders dar, nämlich dass das vermeintliche Opfer eher der Täter und irgendwann die Geduld der anderen erschöpft war. o Überkompensation: Diese Variante ist auf eine andere Weise unangenehm, weil nämlich ein großspuriges Auftreten, gepaart mit selbstverherrlichendem Wortgeklingel, abstoßend wirkt. Die Überbetonung der eigenen Fähigkeiten wirkt aufgesetzt und unnatürlich, sodass der Verdacht aufkommt, dass daran etwas nicht stimmen kann. Und richtig: Wer bei diesem Typus einmal nachforscht, wird bald feststellen, dass diese Masche der Aufschneiderei überall zu beobachten ist und unvoreingenommene Betrachter durchaus darauf hereinfallen können, bis sie dann darauf kommen, dass der Angeber nur ein „kleiner Wicht“ ist, der sich größer macht als er in Wirklichkeit ist. • Chaos als Lebensstrategie : Die Ordnung ist das halbe Leben, so sagt ein altes Sprichwort. Nicht so für den „Znzg-Typ“, denn der hält die eigene Unordnung für seine eigene künstlerische Freiheit, er meint, dass Ordnung nur etwas für Spießer sei. Sein Chaos breitet sich auf seine gesamten Lebensbereiche aus: Der Haushalt ist unaufgeräumt, seine wichtigen Papiere liegen verstreut und sind i.d.R. nicht auffindbar oder nur nach langem Suchen zu entdecken, der Tag ist unstrukturiert, seine Zukunftsvorstellungen völlig undurchsichtig und eher vom Zufallsprinzip geprägt als von einem planerischen Gestalten. Die Unaufgeräumtheit im äußeren spiegelt nur das innere Chaos wieder, denn das Seelenleben scheint einem ungeordneten Durcheinander zu gleichen. Diese Unordnung spürt jeder, der mit ihm zu tun hat: Sprunghaftigkeit der Emotionen und Ideen, die Motive sind starken Schwankungen ausgesetzt, die Absichten nur schwer erkennbar (weil auch oft nicht vorhanden) und die Gedanken ähneln einem „freien Assoziieren“ bei einem der Psychoanalyse verhafteten Therapeuten. • Zuverlässigkeit ist Mangelware : Klar, wer so mit sich selbst beschäftigt ist, dem fehlt die für die Außenorientierung notwendige Konstanz im Verhalten, sodass die eigenen Unzulänglichkeiten sich auch im Alltag bemerkbar machen. Termine werden vergessen, Absprachen nicht eingehalten, Unterlagen werden verlegt, die wichtig gewesen wären, andere durch unangemessene Reaktionen vor den Kopf gestoßen, die sich über diese Mängel beschweren. „Wenn man sich auf dich verlässt, ist man verlassen“, ist der häufig zu hörende Vorwurf, dem sich der „Znzg-Typ“ aussetzt. • Keine Selbstdisziplin : Den Alltag gestalten, in dem die Wohnung sauber gehalten, die Kleidung gewaschen, dem Tag eine Struktur gegeben wird, ist etwas, was oft völlig fehlt. Wenn tatsächlich ein Beruf gelernt und dann auch ausgeübt wird, fehlt es oft an der notwendigen Selbstbeherrschung. Die Affekte und Motive zum Verhalten, die eher dem „Lustprinzip“ (Sigmund Freund) gehorchen, dominieren und die Selbstbegrenzung hinsichtlich eines unangemessenen Verhaltens ist Mangelware. Steuerung, Planung, Zielgerichtetheit sind oft nicht zu erkennen und es fehlt an Wachsamkeit gegenüber den möglichen eigenen Fehlleistungen. • Schuld sind die anderen : Wer merkt, dass er sich mit seiner chaotischen Lebensführung keine Freunde macht, neigt dann dazu, die Schuld an dem Rückzug den anderen zu Last zu legen, weil diese für ihn kein Verständnis hätten. Weil er ein geringes Selbstwertgefühl hat, ist eine Selbstanklage nicht gewünscht, weil dies die negative Grundstimmung verstärkt. Die Klage wird gegen die nächsten Verwandten, Arbeitskollegen oder Bekannten erhoben, die an seinem Elend schuldig sein sollen. Wenn er denn noch Zuhörer hat, wird er diesen von den Eltern erzählen, die ihn nie verstanden haben, von den Freunden, die ihn betrogen hätten und von den Kollegen, die nur Intrigen gegen ihn gesponnen hätten. Außerdem sei auch die Welt so schlecht geworden, so sinniert er dann vor sich hin, dass sie es auch nicht mehr verdient hätte, dass er sich in dieser in irgendeiner Weise einbringt. • Rücksicht nicht vorhanden : Weil die anderen aus seiner Sicht an seinem Elend schuld sind, denkt er gar nicht daran, dass er wiederum mit seinem Verhalten andere täuschen, verletzen und damit enttäuschen kann. Die Egozentrik ist so groß, dass er nicht über seinen Tellerrand hinausschaut, dass diejenigen, die sich um ihn noch Sorgen machen, vielleicht über sein Schicksal traurig sein könnten und auch darunter leiden, dass sein Leben so chaotisch verläuft. Die Rücksichtnahme ist deshalb ein Fremdwort, weil sie gar nicht als ein „notwendiges Übel“ ins Kalkül gezogen wird. Er eckt überall an, ohne dass er das so richtig selbst bemerkt, verletzt andere, ohne darüber nachzudenken, dass ihm der Fehler unterlaufen ist und er dafür um Entschuldigung bitten müsste. • Rückzug und Isolation : Der Rückzug beginnt oft schleichend, der damit erklärt wird, dass die ach so böse Welt an allem schuld sei. Er habe doch immer alles nur gut gemeint, beklagt er sich bei anderen, aber man habe ihn nie wirklich verstanden. Der soziale Rückzug aus den Beziehungen zu anderen dient dem Schutz des schwachen Ich, das keine Misserfolge mehr verträgt. Die Integration in der Arbeitswelt scheitert, die sozialen Beziehungen gehen zu Bruch, die familiären Bindungen, die vielleicht noch am längsten gehalten haben, versagen irgendwann auch. Es bleibt nach dem Rückzug nur die Isolation von der Welt und eine quasi paranoide Einstellung zur Welt, der immer nur Schlechtes zugetraut wird. • Teufelskreis : Kein Wunder, dass der „Znzg-Typ“ sich in einem Teufelskreis befindet, den er immer wieder aufs Neue entfacht: Weil er derart unzuverlässig ist, wird er immer mehr zum Außenseiter, zum Zeitgenossen, um den viele lieber einen Bogen machen. Das bewirkt eine weitere „Entspeisung“ seines Selbstwertgefühls, das darunter leidet, weil die Erfolge ausbleiben. Weil er aufgrund seines geringen Selbstwertgefühls verunsichert ist, unterlaufen ihm auch häufiger Fehler und Missgeschicke. Mehr oder weniger absichtliche „Torpedos“ in die soziale Umgebung, die dann da und dort noch vorhandene soziale Netzwerke zerstören, bewirken eine Beschleunigung der Isolation. Diese Entwicklung führt ihn zu dem Schluss, sich immer wieder zu sagen, dass er nichts tauge, dass alle Bemühungen sinnlos seien, dass Ordnung zu halten auch nichts bringt und eine Planung der Zukunft völlig überflüssig ist. Der Tod könnte für einige tatsächlich eine Art „Erlösung“ darstellen. Vielleicht sind einige der Selbsttötungen oft eine Folge einer solchen Fehlentwicklung. Der „Znzg-Typ“ ist vielleicht häufiger anzutreffen, als viele denken. Er ist ein Ärgernis für alle, die unsere Welt, trotz der vielen echten Notlagen und Ungerechtigkeiten, doch noch nicht aufgegeben haben und wollen, dass sie nicht im Chaos versinkt. Schlimm ist es, wenn solche Typen es tatsächlich schaffen, in Führungspositionen zu gelangen, weil sie dann wie ein schleichendes Gift wirken und die Untergebenen sich entweder seinem Stil anpassen oder er sich noch unfähigere Mitarbeiter sucht, die es nicht wagen würden, ihn von seinem Thron zu stoßen. Hinweis zum Genderquatsch: Der „Znzg“-Typ ist selbstverständlich nicht nur männlich, sondern auch weiblich oder meinetwegen auch Divers. © beim Verfasser
